In und um Rajasthan gehört ein Säckchen mit Opium zur Grundausstattung der Männer. Bei besonderen Gelegenheiten, Festen oder wichtigen Geschäftsabschlüssen kommt es zum Einsatz. In einer aufwendigen Zeremonie wird eine Art Tee daraus gebraut. Hindus ist es nämlich verboten, das Zeug zu rauchen. Wir wurden Zeugen einer solchen Prozedur.

Großzügig sah man darüber hinweg, dass auch Frauen Teil unserer Gruppe waren. Eigentlich ist das reine Männersache. Aber nur Gucken ist schon ok. Wir sitzen im Kreis auf dem Boden. Dem Ältesten in der Runde fällt das Amt des Zeremonienmeisters zu.

Einmal Opium aufgebrüht

Ein paar knochenharte Bröckchen werden im Mörser zu Pulver zerrieben. Dann verschwindet der Opiumstaub in einem Stoffsieb, das in einer geschnitzten Apparatur hängt, wie ein großer Teebeutel. Schaut irgendwie aus wie eine Versuchsanordnung im Chemielabor. Wahrscheinlich wird es gleich Puff machen und der Dschinn steht leibhaftig im Raum, um unsere Wünsche entgegen zu nehmen. Aber ich schweife ab.

Der Chef dirigiert einen feinen Strahl heißen Wassers in den Filterbeutel. Unten tropft die Essenz in eine Holzschale, die anschließend wieder oben in das Säckchen gegossen wird. In mehreren ritualisierten Durchgängen wird so das Opium gefiltert. Ich habe aufgehört zu zählen, sicher waren es mehr als fünf Durchläufe. Irgendwann hat die Brühe scheinbar ihre richtige Konzentration. Der Älteste gießt die Flüssigkeit in seine rechte Hand und reicht sie in die Runde. Die anderen Rajasthani, die Männer mit Turban, schlürfen ihm praktisch aus der Hand.

 

 

Von der Hand in den Mund

Mir schießt das Blut in den Kopf. Ich merke, wie ich rot werde. In Gedanken gehe ich diverse Szenarien durch, was diese Hand vorher alles berührt haben könnte. Ich will es mir nicht ausmalen und beschließe alle Hygienevorschriften sausen zu lassen. Anders komme ich jetzt aus der Nummer sowieso nicht mehr raus.

Stattdessen  wartet schon die nächste Schikane auf uns Touris. Wir müssen beim Trinken anstelle des Turbans die linke Hand auf den Kopf legen. Wer hat sich das bloß ausgedacht?! Eine echte Herausforderung für die Koordination. Ohne mich völlig zum Affen zu machen, schaffe ich das nächste Level, auch wenn ein Teil des Energydrinks an meinem Mund vorbeiläuft. Ich bin nicht traurig darüber, wie ihr euch denken könnt, sinke in die Sitzpolster und warte auf das breite Grinsen im Gesicht.

Ein leicht bitterer Nachgeschmack erinnert an Mate-Tee, den ich aus Südamerika kenne. Gleicht geht’s ab auf eine berauschende Reise: pfeilschnelles Fliegen vorbei an blauen Elefanten und neunköpfigen Kobras …

Wo bleibt der Rausch?

Doch nichts passiert. Das krasse Happiness-Gefühl bleibt aus. Wahrscheinlich war die Konzentration einfach zu gering. Dann doch lieber doppelten Espresso. Aber jeder tickt anders. Hier in Rajasthan geht es nicht um kollektiven Drogenrausch sondern um Tradition, ein ritueller Brauch im Kreis der Gemeinschaft. Das wird von den Behörden toleriert, denn sonst ist der Konsum von Opium in ganz Indien offiziell verboten.

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Thorsten

Als bekennender Backpacker bin ich privat am liebsten in Asien unterwegs und nicht nur da für jeden Spaß zu haben.

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