Es war nicht mein erstes Mal in China. Bereits im letzten Jahr hatte ich einige Must-Sees des Reichs der Mitte erkundet: die Hauptstadt Peking, die Terrakotta-Armee in Xi’an, die Metropole Shanghai sowie die Reisterrassen im Süden Chinas. Dass in diesem gigantischen Land keine Ecke der anderen gleicht, war mir bereits klar gewesen. Doch dass Chengdu sich durch seine Nähe zu Tibet so hervorhebt, war auch für mich überraschend.

Abgesehen davon, dass ich von Chengdu noch nie etwas gehört habe, bevor ich diese Reise plante, hat mich die 14 Millionen Einwohner Stadt voll in ihren Bann gezogen. Hier trifft Moderne eine Tradition, die durch tibetische Einflüsse geprägt ist. Neben blinkenden Skyscrapern befinden sich buddhistische Tempel, neben amerikanischen Fastfoodketten reihen sich ursprüngliche Garküchen, neben dem chinesischen Geschäftsmann läuft der tibetische Mönch und neben gewaltigen Shoppingmalls kauft man in asiatischen Handwerkslädchen. Faszination pur.

Doch ich war nicht nur wegen Chengdu gekommen. Auch die Umgebung reizte mich. Ich wollte nicht nur den niedlichen Pandabären, die als das Wahrzeichen der Metropole gelten, einen Besuch abstatten, sondern hauptsächlich Leshan, den gigantischen Buddha, sehen, und Emei Shan, den buddhistischen Berg mit dem Golden Summit on top, besteigen. Shan heißt Berg, soviel hatte ich verstanden.

 

Das Ohr von Buddha

Mein erster Stopp war Leshan. Alles was ich wusste war, dass mich ein riesiger, in Stein gemeißelter Buddha erwarten würde. Wie riesig er war, war mir jedoch nicht klar. Per Zug und Bus fuhr ich nach Leshan. Dort angekommen musste ich erst eine Weile laufen und mich dann hinter einigen vielen – davon gibt es einfach eine Menge – Chinesen in einer Schlange anstellen. Ich war gespannt. Noch hatte ich nichts von dem Buddha gesehen, aber ich ahnte, dass er nicht mehr weit weg sein konnte. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich etwas entdecken. Es war riiieesiiig. Ich war mir sicher, dass es sich um den Buddha handeln musste, doch es war lediglich sein Ohr. Ein Ohr in dieser Dimension. Unglaublich. Wie groß musste dann der ganze Buddha sein?!

Nach und nach stieg ich die Treppen parallel zum Buddha, oben angefangen, inmitten der Chinesen, hinunter. Mit jeder Stufe wurde der Buddha vollkommener. Unten angekommen war ich sprachlos. Ein 71 Meter hoher Buddha mit 28 Meter breiten Schultern stand vor mir. Von ihm ging eine unfassbare Magie aus, so dass ich meinen Blick kaum abwenden konnte. Er hatte mich voll in seinen Bann gezogen. Mir wurde wieder einmal klar, wie klein man oft als Mensch ist. Gerade mal so groß wie ein Zehnagel.

 

Eine Treppe in den Himmel

Mein nächstes Ziel war Emei Shan. Hier hatte ich eine 2-tägige Wanderung auf den 3.099 Meter hohen Gipfel mit Übernachtung in einem Tempel geplant. 3.099 Höhenmeter per Treppenstufen. Mir machte diese Vorstellung Angst und gleichzeitig reizte sie mich. So sehr, dass ich mich tatsächlich dazu durchrang, diese Bergbesteigung in die Tat umzusetzen. Ohne großes vorheriges Training. Einfach los. Also machte ich mich im Morgengrauen auf. Stufe für Stufe dem Gipfel entgegen. Am Anfang konzentrierte ich mich voll auf die unglaublich schöne Natur und die tibetisch angehauchte Umgebung. Ausnahmsweise hatte man hier im Gegensatz zu dem pulsierenden Chengdu ziemlich seine Ruhe, was wohl auch der Jahreszeit geschuldet war.

Ich genoss meine Wanderung in vollen Zügen und erklomm Stufe für Stufe den Berg. Auf dem Weg lagen einige buddhistische Tempel mit bunten tibetischen Gebetsfähnchen, die ich mir mit Faszination anschaute und die ich für kleine Pausen nutzte. Dann ging es weiter. Stufe für Stufe. Um die Mittagszeit hatte ich mein erstes Tief. Meine Beine schmerzten bereits und es wurde kalt und neblig. Aber nun gab es kein Zurück mehr. Ich musste weiter. Stufe für Stufe. Zwischendurch fing ich an die Stufen zu zählen, doch merkte schnell, dass diese Taktik die Wanderung nicht erleichterte. Einfach an nichts denken, die Ruhe und Natur genießen und weiter hoch. Stufe für Stufe. Dann kreuzten einige Affen meinen Weg. Ich schaute ihnen beim Spielen zu, war wieder motiviert und vergaß für einige Zeit meine schweren Beine.

Stufe für Stufe auf 3.099 Meter

Die Häufigkeit der Pausen steigerte sich um die Nachmittagszeit, doch der Tempel, in dem ich übernachten wollte, war nun nicht mehr weit. Das trieb mich an weiterzulaufen. Stufe für Stufe. Irgendwann war es soweit. Der Tempel lag vor mir. Verschwommen im Nebel. Mitten im Nirgendwo. Auf 2.430 Meter Höhe. Die bunten Fähnchen wehten im Wind. Ich kam mir vor wie im Märchen. Nie zuvor hatte ich in einem Tempel übernachtet. Das Zimmer, das mir zugeteilt war, hatte den Standard eines 3-Sterne-Hotelzimmers. Doch in dieser Situation wäre ich über jedes Zimmer dankbar gewesen. Ich war fix und fertig und freute mich auf eine heiße Dusche, eine warme Mahlzeit und ein Bett. Eine Stunde später war ich eingeschlafen.

 

 

Gold in Sicht!

Nach einer kurzen Nacht klingelte mein Wecker. Draußen war es noch stockdunkel. Aber ich musste weiter. Noch 600 Höhenmeter bis zum Gipfel. Ich wollte den Golden Summit bei Sonnenaufgang sehen. Dafür war ich hier. Also raus aus den Federn, rein in die Wanderschuhe, ein kurzes Frühstück und los. Meine Beine schmerzten vom Vortag als ich mich in der Dunkelheit auf die letzten Meter machte. Stufe für Stufe. Jetzt war es nicht mehr weit. Als ich mir einige Zeit später, die Sonne war bereits aufgegangen, eine kurze letzte Pause vor dem Gipfel gönnen wollte und in die Ferne schaute, sah ich etwas Goldenes schimmern. Erst als ich aufstand und genauer hinsah, erkannte ich, dass es sich um den Golden Summit handeln musste.

Ich brach die Pause direkt ab und machte mich auf den Weg. Ich rannte fast. Stufe für Stufe. Je näher ich kam, desto unglaublicher wurde der Anblick. Nicht nur der Buddha von Leshan, auch der Golden Summit war riiieesiiig. Eine gigantische 48 Meter hohe buddhistische goldene Statue. Einfach unglaublich und neben dem Buddha von Leshan das Beeindruckendste, das ich je gesehen habe. Dieser Anblick war die Wanderung wert. Jede einzelne Stufe.

Wer auf Überdimensionales steht, sollte sich Leshan und Emei Shan nicht entgehen lassen.

 

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Silja

Mir ist ganz egal, ob Afrika, Amerika, Asien, Europa oder Australien. Die besten Geschichten erlebt man offline!

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